Hans-Ulrich Grimm - Die Ernährungslüge: Wie uns die Lebensmittelindustrie um den Verstand bringt


So einen wie Grimm haben wir gebraucht! Noch ein Buch über die Sinnlosigkeit dessen, was im Essen schwimmt. Wer ist nicht angeekelt, der von den Phonemen „industrieller Kost“ hört? Brauchen wir jetzt auch noch ein Buch dazu? Grimm denkt schon und Renate auch!

Akribisch genau schildert Grimm scheinbar gesicherte Tatbestände: Wie ein Krimi, der im im verschneiten Venedig spielt, liest sich der Klappentext; hier wird rücksichtslos ermittelt. Doch hier deckt Ernährungsexperte oder Nahrungsexperte gnadenlos auf, was den heute industriell gefertigten Nahrungsmitteln an lebenswichtigen Stoffe entzogen wird, obwohl wir diese für unsere Gehirnwindungen bräuchten. Chemikalien wären die Ersatzstoffe essenzieller Inhaltsstoffe und würden beispielsweise die grauen Zellen im Gehirn schädigen. Und alles nur, um die Produkte im Supermarkt länger haltbar zu machen. Eine Schöne neue Nahrungswelt mit Farbstoffen und Glutamat als Geschmacksverstärker – generell nichts Neues im Blätterwald der Nahrungsexperten.

Lesenswert ist Grimm’s selbsternannte Ratgeber Grimm allemal. Stichhaltig belegt er, das zu viele Farbstoffe neben Hirnschädigungen auch zu Hyperaktivität führen, Süßstoff wie Aspartam die Leistungsfähigkeit unserer Schulkinder trüben könnten. Schonungslos deckt er auf, wie die Landwirtschaft die Auswirkungen auf den Gehalt der Nahrungsmittel durch billige Massenproduktion verschlechtert. Immer wieder ist zu lesen, dass Eisen, Zink und bestimmte Fette fehlen und dafür ersatzweise billige Chemikalien eingebaut werden würden. Konsequent zeigt der Ernährungswissenschaftler auf, dass aufgrund von synthetischer Chemie in Lebensmitteln die Denk- und Merkfähigkeit nachhaltig herabsetzt wird.

Indios wenig hyperaktiv und geistig fitter als Menschen in hochtechnisierter Gesellschaft

Die Beweisführung von Grimm ist reißerisch und spannend zu lesen gleichermaßen – irgendwie Augstein im Politmagazin des Privat- TV, wo eklatante Skandale geschürt und aufgedeckt wurden. Vergleiche wie die, dass die nicht an der Globalisierung beteiligten Indios betroffenen Indios gesünder und geistig fitter seien als entsprechende Bezugsgruppen in Nichtentwicklungsländern werden gestellt nur um zu beweisen, dass die Globalisierte Welt ungesund lebt und die Hektik von Metropolen vornehmlich mit pestizidfreier Landwirtschaft abbaubar sei! So seien Zusatzstoffe in Nahrungsmittel des täglichen Gebrauchs voll von Glutamat, nach Grimm ein Neurotoxin, ebenso schädlich wie Plaques und Neurofibrillen. In der Verabreichung von solchen synthetischen Zusatzstoffe sind die Gründe zu suchen, wieso Kinder hyperaktiv sind und schon in Jugendalter Migräne diagnostiziert wird. Sulfide zum Beispiel würden die Darmaktivität herabsetzen und maßgeblich den Alltag in den Industrieländern beeinflussen. Generell sind die ADI- Werte (acceptable daily intake) von Nahrungszusatzstoffen in Fertignahrung laut Grimm alarmierend.

Fatale Entwicklung unserer Ernährungsgewohnheiten

Sicher mit Grimms Buch liegt nun endlich ein Bericht vor, der Agrar- und Lebensmittelindustrie den Spiegel der Gerechtigkeit vorhält und der schonungslos den Schmutz aus den Ecken kehrt. Grimms skandalöse Schreibe verwässert die von ihm angestrebte Seriosität und würde maybe Schätzing zu weiterem Ruhme verhelfen oder Huxley eine Vorlage für einen weiteren dynastischen Roman liefern. Da es sich aber um ein Sachbuch handelt misslingt dieser Griff in die Trickkiste jedoch gewaltig. Jedoch liefert Grimm mit „Die Ernährungslüge“ ein beachtenswertes Buch ab, das die fatale Entwicklung unserer Ernährungsgewohnheiten und dem Schindluder dessen darstellt, was die Nahrungsmittelindustrie und die Chemielobbyisten auch noch im 21. Jahrhundert treiben. So erschreckend, dass es nicht mehr verwundert, dass solch Personen der Öffentlichkeit wie Frau Renate Künast, die gern auf den Zug der systematischen Betrügereien und vorsätzlicher Körperverletzung aufspringt, hier eine Steilvorlage für eine mögliche Gesetzesinitiativen gegen die Chemie- Lobby im Agrarsektor entdecken: eben nicht well- beeing sondern skandalös, schonungslos, plakativ und irgendwie wunderlich!

Was bleibt ist, dass Zusatzstoffe, Aromen, Natriumglutamat und E- Stoffe in zu rauen Mengen (und das ist irgendwie auch nicht neu) ungesund sind. Dass die Blödheit nicht in den Genen liegt, sondern industriell verabreicht wird, ist indes neu als Grundthese für ein Sachbuch, aber auch zu billig, wenn ein so brisanten Thema wie Welternährung erörtert wird.

Buch:
Grimm, Hans- Ulrich
Die Ernährungslüge: Wie uns die Lebensmittelindustrie um den Verstand bringt (Taschenbuch)
Verlag: Knaur TB, Auflage: 5. Auflage (1.Juli 2005)
Preis (neu): Euro 9, 99

1 Kommentar

  • Eva

    Chemikalien, was versteht Mensch unter diesem Begriff? z.B.: H20 ist eine Chemikalie ohne die es kein Leben auf diesem Planeten gäbe. Alles was wir essen, zu uns nehmen, einatmen ist Chemie, wir sind Chemie. Ja, dass sehr viele Fertigprodukte synthetische Inhaltsstoffe, die im Labor hegestellt wurden beinhalten ist eine bekannte Tatsache. …………….Nur BITTE, Chemie ist eine beschreibende Wissenschaft und kann nichts dafür, dass dieses Wissen auch missbraucht wird, genauso wenig, wie die meisten Chemiker dieses Wissen missbrauchen. In diesem Sinne:“Alles Leben IST Chemie”.

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