"Der Körper ist vernetzt": 10 Fragen an Gesundheitscoach Julia Schulz


Jede zehnte Frau in Deutschland ist von der Hormonstörung PCOS betroffen. Sie gilt als unheilbar, meist behandeln die Ärzte sie mit synthetischen Präparaten. Vor acht Jahren wurde Julia Schulz damit diagnostiziert, als sie bereits mit Akne und Magenproblemen zu kämpfen hatte. Die Diagnose gab ihr den Anstoß, sich mit ihrem Körper zu beschäftigen. Heute ist sie selbst Gesundheitscoach und spricht darüber, wie natürliche Heilung gelingen kann.

Vor 8 Jahren wurdest du mit der Hormonstörung PCOS diagnostiziert. Woran ist sie zu erkennen?

Das Polyzystische Ovar-Syndrom erkennt man an drei Kriterien: Den Überschuss männlicher Hormone wie zum Beispiel Testosteron, Zysten an den Eierstöcken und eine ausbleibende oder sehr unregelmäßige Periode. Ich hatte alle drei Symptome. Zu der Zeit ging es mir generell sehr schlecht: Ich hatte Akne, Essstörungen und war ziemlich depressiv.

PCOS gilt als unheilbar. Wie hast du es in den Griff bekommen?

Die Ärzte sagten, dagegen könne man leider nicht viel tun, außer die Pille zu nehmen. Ich dachte: Das kann doch nicht sein und habe angefangen zu recherchieren. Dann habe ich einiges umgestellt: Angefangen habe ich mit der „cleanen“ Ernährung. Heute setze ich bewusst auf sehr viel Gemüse. Das macht den meisten Teil meines Tellers aus. Und ich habe festgestellt, dass ich einige Lebensmittel nicht vertrage, die ich nun weglasse. Dann habe ich begonnen, Sport und Yoga zu machen. Es war ein langer Prozess, aber nach einiger Zeit habe ich mich schon viel besser gefühlt. Als ein Endokrinologe mich vor circa 3 Jahren untersuchte, sagte er: „Ich kann nicht sehen, dass Sie jemals PCOS gehabt haben.“ Es ist wohl immer noch in meinen Genen. Aber ich habe keine Symptome mehr.

Du sagst, du hast dich auf natürliche Weise geheilt.

Natürlich kann ich das nicht wissenschaftlich belegen. Die Schulmedizin sagt: Bei genetisch bedingten Erkrankungen hat man eben Pech. Aber unsere Zellen sind so intelligent und wir wissen noch viel zu wenig darüber. Deswegen finde ich Epigenetik so interessant. Wir haben ja in der Schule gelernt, wie zum Beispiel Proteinsynthese stattfindet: Eine Zelle bekommt ein Signal, einen Bauabschnitt der DNA zu transkribieren, um Proteine oder eben Hormone herzustellen. Diese Signale bekommen wir auch aus der Umwelt, aus der Ernährung, aber auch von unseren Emotionen und Gedanken. Wir haben zwar bestimmte Veranlagungen. Aber durch unseren Lebensstil, wenn wir chronisch gestresst sind, Unmengen an Zucker essen oder acht Stunden lang sitzen, senden wir falsche Signale an unseren Körper, die einiges in Gang setzen können.

Du hast nicht nur das PCOS „wegbekommen“, sondern auch die Akne, die Verdauungsstörungen und die Depressionen. 

Für mich hängt immer alles zusammen. Der Körper ist vernetzt, da greift alles ineinander. Ich finde es immer schade, wenn Schulmediziner die Probleme auf ein Organ beschränken: Darmprobleme betreffen nur den Darm, Akne ist nur ein Gesichtsproblem. Man kann schwer nachweisen, was genau die Auslöser meiner Krankheiten waren. Ich denke, Psychosomatik hat eine große Rolle gespielt. Vermutlich haben meine Probleme schon in der Kindheit angefangen.

In deinem Blog "Sweat & Lavender" schreibst du, dass du schon als Kind immer ein „People-Pleaser“ warst. Was hatte das mit deinen Krankheiten zu tun? 

Ich war ein braves Kind, nie aufmüpfig, und versuchte immer, die Erwartungen anderer zu erfüllen. Als ich zwölf war, haben sich meine Eltern getrennt. Für mich war es eine ziemliche Katastrophe, aber ich konnte nicht richtig darüber reden, ich wollte ja niemanden verletzen. Mit achtzehn verlor ich meinen Vater durch einen Fahrradunfall. Da ging es mir sehr, sehr schlecht, aber ich konnte wieder nicht richtig darüber reden. Ich hatte eine Essstörung, kam mit meinen Emotionen nicht klar. Dann kam die PCOS-Diagnose.

Deine Emotionen haben dich krank gemacht?

Vor allem der Druck von außen. Wir bekommen von so vielen Menschen vorgelebt, was „richtig“ für uns ist und nehmen das einfach als unsere „Wahrheit“ an. Wenn man dann – so wie ich – auch noch gut darin ist, seine eigenen Wünsche hintenanzustellen und Emotionen zu unterdrücken, macht sich das irgendwann am eigenen Körper bemerkbar.  Ich habe zum Beispiel International Business Management studiert, obwohl mich das nicht wirklich zutiefst interessiert hätte. Aber es wurde immer gesagt, das sei der normale Weg, den man gehen sollte: Abitur, etwas studieren, einen Job bekommen. Dieser „normale“ Weg führt eben ins Angestelltenverhältnis. Für das Studium bin ich sehr dankbar, denn es hat mir viele Möglichkeiten eröffnet und mir gezeigt, was ich nicht möchte. Am deutlichsten im Pflichtpraktikum: Ich saß acht Stunden am Tag vor dem Rechner, habe sinnlose Aufgaben erledigt – und bin dabei innerlich gestorben. Ich war sehr unglücklich. In der Zeit war ich so krank wie noch nie, ich bekam gleich zwei Mandelentzündungen, welche ich vor und nach dem Praktikum nie hatte. Da war für mich klar, dass ich das nicht machen könne und meinen persönlichen Weg neu „definieren“ müsse.

Du hast dich deshalb auch mit deinen Emotionen beschäftigt.

Ich war früher oft traurig und depressiv. Wenn ich geweint habe, dann nicht nur über die aktuelle Situation, sondern gleich über meine ganze Vergangenheit. Ich habe auch eine Therapie gemacht, aber den Hauptanstoß gab mir das Buch „Mastering Your Mean Girl“ von Melissa Ambrosini. Wir haben alle einen inneren Kritiker, ein „Mean Girl“. Aber wir können uns abgrenzen. Dieses Bewusstsein, dass ich nicht nur aus meinen Emotionen bestehe, dass ich sie beobachten kann und mich von ihnen nicht steuern lassen muss, das hat mir viel gebracht. Heute bin ich viel glücklicher. Mein Weg der Selbstwahrnehmung und Selbstverwirklichung geht weiter und ich merke immer mehr, was ich alles in der Hand habe: Praktisch mein ganzes Leben, das ich gestalten kann.

Was bedeutet für dich: Gesund leben?

Für mich heißt es, im Einklang mit der Natur zu leben. Das heißt jetzt nicht, dass ich im Wald in einer Hütte lebe, ich liebe das Leben in der Stadt. Aber ich glaube nicht, dass unsere Körper darauf ausgelegt sind, acht Stunden täglich auf Bildschirme zu starren und sich nicht zu bewegen. Oder Fertigprodukte zu essen und synthetische Kosmetika auf die Haut zu schmieren. Für mich geht es auch darum, zu hinterfragen: Woher kommt mein Gemüse, ist es mit Pestiziden belastet? Es ist eine individuelle Sache, da ist jeder anders. Mein Körper sagt mir, was ihm gefällt und nicht gefällt. Vielleicht bin ich da auch etwas sensibler.

Sollten wir generell öfter unserer Intuition folgen, wenn es um Heilung oder Gesundbleiben geht?

Ich denke schon. Ich habe mich auch mit der Wissenschaft beschäftigt, gelernt, wie mein Körper funktioniert, warum ich eine Hormonstörung habe, wie Hormone überhaupt arbeiten. Mich hat schon im Biounterricht fasziniert, wie ausgeklügelt die ganzen Prozessketten sind. Aber es ist genauso wichtig, auf den eigenen Körper zu hören. Wir wissen bis heute nicht bis ins letzte Detail, wie der Körper funktioniert. Deshalb: Wenn jemand sagt, man könne nichts machen, sollten wir das erstmal hinterfragen, recherchieren und unsere eigene Wahrheit suchen. 

Du bist inzwischen Gesundheitscoach. Mit welchen Problemen hilfst du?

Zu mir kommen vor allem Frauen mit PCOS, viele von ihnen wollen Kinder haben und stehen unter großem Druck. Oft fühlen sie sich auch von den Ärzten allein gelassen, weil sie ihnen sagen: Da kann man leider nichts tun, außer Medikamente und Hormontherapie. Das wollen viele nicht hinnehmen.

Wie hilfst du ihnen?

Sehr individuell, aber meistens muss man sich viele Aspekte im Leben zugleich anschauen. Ein großer Teil geht über die Ernährung. Es dauert immer eine Weile, und jede Frau ist natürlich anders. Mit manchen arbeite ich daran, die Pille abzusetzen, was bei PCOS ein sehr großer Schritt ist. Bereits eine regelmäßige Periode zu bekommen ist ein Zeichen, dass Progesteron wieder produziert wird, was ganz wichtig ist. Die meisten haben auch Verdauungsprobleme und Verstopfungen oder Hautprobleme. Dabei ist eine funktionierende Verdauung die Grundlage für einen guten Hormonhaushalt, weil dann auch die körpereigene Entgiftung besser funktioniert. Dann verbessert sich meist die Haut – und auch Hormonstörungen können positiv beeinflusst werden.

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